Gedanken zur Jahreslosung 2020

Kennst Du das Gefühl, wenn Du gerne an zwei Orten gleichzeitig wärst? Das fühlt sich meist nicht gut an, zerrissen. Ich hasse Termindoppelungen. Hin- und her beamen funktioniert auch 60 Jahre nach Raumschiff Enterprise immer noch nicht und klonen ist wohl auch keine Lösung. Wir müssen Prioritäten setzen – und mit Spannungen leben, der eigene Anspruch, alles immer richtig zu machen und allen gerecht zu werden, macht krank.

 

Gefühle von Zerrissenheit gehören zum modernden Leben. Wir müssen lernen damit umzugehen. Wir empfinden nicht nur die Welt um uns herum widersprüchlich, beim Blick in die innere Welt wird das kaum besser. Wir spüren Impulse, die in ganz verschiedene Richtungen ziehen und innere Stimmen, die sich ganz schön streiten können.

 „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ Richard David Prechts Buchtitel trifft den Sachverhalt gut. Im therapeutischen Bereich wurde das Konzept des „Inneren Teams“ entwickelt, um damit gut arbeiten zu können. Sonntagmorgens könnte das so aussehen: Wenn der „Übermüdete“ im inneren Team einfordert, im Bett liegen zu bleiben, der „geistlich geprägte“ in den Gottesdienst will, der „Familienmensch“ gemütlich mit Frau und Kindern frühstücken möchte und der „Gesellige“ sich auf Begegnung freut, um sich nach der Kirche zum Mittagessen zu verabreden. Harmlose Beispiele - wenn es um existenzielle Themen geht, Beruf oder Beziehungen und wenn Entscheidungen mit hoher Tragweite anstehen, dann kann innere Zerrissenheit bedrohliche Ausmaße annehmen und zur Verzweiflung werden, einem Wort, in dem Widerspruch und Gespaltenheit in zwei oder mehr Sichten anklingen.

Die Jahreslosung 2020: Ein Vater leidet mit seinem epileptischen Sohn und sucht Hilfe an der richtigen Adresse. Er fordert Jesus heraus: „Wenn du etwas kannst – so hilf uns!“ Und Jesus kontert: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“. Da schreit dieser Vater seine innere Widersprüchlichkeit heraus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Die Geschichte endet im Ganz- und Heilwerden eines Kindes und vielleicht auch des Vaters. „Zu wahrem Glauben gehört also auch, die Unfähigkeit zu glauben, Gott anzuver­trauen.“ (Walter Klaiber)

 

Die Jahreslosung 2020 ist kein netter Zuspruch für den Alltag, sondern ermutigt zerrissene Menschen, Gott ihre ganze Widersprüchlichkeit vor die Füße zu knallen und um Hilfe zu bitten und schenkt Worte für Grenzsituationen, in denen sonst oft keine Worte mehr zu finden sind.

 

Herzliche Grüße

Euer Pastor Jörg Finkbeiner