Choräle vom Balkon für die Nachbarschaft

von Evelyn Striewski

Ich möchte euch eine kleine Begebenheit weitergeben. Vielleicht eignet sich diese Geschichte auch zur Nachahmung.

Als ich vor einigen Wochen in den Nachrichten gesehen habe, wie konstruktiv die Italienerinnen und Italiener mit ihrer Ausgangssperre umgehen, hat mich das fasziniert. Ich fand es klasse, wie sie miteinander musiziert und gesungen haben über die Balkone hinweg. Innerlich kam mir sofort der Gedanke, das würde ich eigentlich auch gerne machen und Trompete spielen! Doch gleichzeitig hatte ich große Bedenken, ob ich mich trauen soll. Ich dachte mir: “Puh, wer weiß, ob sich tatsächlich alle freuen oder wie es für andere ist, wenn ich christliche Lieder musiziere? Ich will doch niemanden „zwangsweise mit Chorälen missionieren“- nein, das möchte ich nicht!“ ... Eine Freundin hat mich ermutigt und gesagt: “Hey, Evelyn, für die Menschen, die die Choräle kennen, bedeutet es eine Ermutigung/Trost und die anderen freuen sich über die schönen Melodien!“ - Das hat mich überzeugt!

Ich habe meine Trompete aus dem Koffer rausgeholt und auf meine Kommode gelegt. - Aber zu spielen getraut, hab‘ ich mich leider immer noch nicht! -

 

Doch dann gab es einen konkreten Anlass: eine Freundin (sie wohnt bei mir ums Eck) feierte ihren Tauferinnerungstag und war am Abend etwas niedergeschlagen. Da kam mir die Idee, ich könnte ihr eine Freude machen, indem ich ihr von meinem Balkon aus ein paar schöne Choräle spiele. Ich sagte ihr, dass ich ihr ein Geburtstagsständchen spielen werde zu ihrem „geistlichen Geburtstag“! Sie solle ihre Terrassentüre öffnen ...

 

Ich spielte auf meinem Balkon als erstes „Freude schöner Götterfunken“ und dann moderne und alte Choräle. Die Nachbarn kamen auf ihre Balkone, freuten sich, klat-schen und bedankten sich. Als ich allerdings später meine Freundin anrief, sagte sie, sie hätte leider nichts gehört! Tja, also musste ich meine Musik-Aktion am nächsten Abend wiederholen (mit der Freundin unten vor meinem Balkon stehend)! Als ich die Freude und den Dank bei den Nachbarn erlebte, dachte ich mir:“ Ok, jetzt kannst du auch weitermachen.“ Also habe ich am Abend wieder gespielt und mein Repertoire um ein paar schöne Kinderlieder erweitert :-)

Ihr glaubt nicht, was für eine große Resonanz da ist: die Leute (jung und alt) rufen rüber, bedanken sich, klatschen! Eine Nachbarin hat mir einen Zettel geschrieben und Süßigkeiten dazu getan. Sie schrieb, wie froh sie über mein Trompetenspiel sei und wieviel Kraft ihr die Musik gebe, … sie habe sogar weinen müssen ...

 

Bald werden wir eventuell zu zweit musizieren! Mein Nachbar aus dem ersten Stock (er spielt Trompete und Flügelhorn) will auch mitmachen. Wir haben uns gegenseitig die Musikstücke vor die Wohnungstür gelegt, und jeder hat für sich geübt.

Noch ein Erlebnis: Als ich gestern meinen Müll zum Müllhäuschen gebracht habe, ist mir ein Ehepaar entgegengekommen. Es wollte gerne wissen, ob ich denn wüsste, wer so schön Musik gemacht hat? Ich musste schmunzeln und sagte, dass ich das sei. Darauf erzählte mir die Frau, ihr habe mein Musizieren so gut gefallen, dass sie es gefilmt hat und dann ihren Kolleginnen und Kollegen im Seniorenheim das Video ge-schickt hat. Daraufhin bat die Heimleiterin die Nachbarin, mit mir Kontakt aufzunehmen und zu fragen, ob ich bereit wäre, im Innenhof des Seniorenheimes zu musizieren. Heimbewohner seien so traurig und deprimiert, weil sie keinen Besuch bekommen dürfen!

 

Diese Begebenheit soll als Mut-Mach-Geschichte dienen, in dieser Ausnahmesituation seine Talente, Ideen und Tatkraft mutig für andere einzusetzen. Wir können alle auf unsere ganz eigene Weise füreinander da sein und Zeichen setzen!

Viele Grüße und seid behütet

 

Evelyn

 

Übrigens: Mein Musizieren im Garten des Franziskus Altenheims war eine größere Aktion als ich geahnt hatte! - Ja, ich war ziemlich aufgeregt - und es hatte auch seinen berechtigten Grund ;-) Die Heimleitung hatte alle Bewohnerinnen und Bewohner informiert + die Nachbarn in dem anliegenden Häuserblock, sodass ab 15:00 Uhr die Seniorinnen und Senioren auf die Balkone geschoben wurden, im Garten mit dem gebührenden Corona-Abstand gesetzt und sogar eine Frau mitsamt ihrem Bett nach außen geschoben wurde (das hat mich total positiv beeindruckt). Ich wurde sehr herzlich empfangen! Im Garten stand ein Bistro-Tisch mit weißer Tischdecke, auf dem ich meine vielen Notenbücher platzieren konnte, und ich spielte an einem schattigen Plätzchen unter einem Baum. Was echt klasse war: Ich war innerlich total frei und hab‘ nicht nur Trompete gespielt, sondern auch etwas von mir erzählt, die Lieder kurz beschrieben und die Texte teilweise vorgelesen. Es war eine sehr konzentrierte und schöne Stimmung! Das fand ich faszinierend. Meine Kondition war gut, sodass ich locker eine halbe Stunde musizieren konnte (wenn die Kraft in den Lippenmuskeln nachlässt, kann es passieren, dass nur „heiße Luft kommt“ ohne Ton). Eines der Musikstücke habe ich den Pflegekräften „gewidmet“.

Die Musikstücke hatte ich bunt gemischt: alte und neue Choräle, Volkslieder, Kinderlieder, sogar ein Stück aus der Zauberflöte 😊. Die Heimleitung war sehr begeistert über die Aktion und hat mich eingeladen wieder einmal zu kommen ... Ich bin froh, dass ich so mutig war und den Schritt gegangen bin und es für alle Beteiligten ein ganz besonderer Nachmittag wurde (für mich persönlich auch).

 

 

Noch eine Neuigkeit: Meine abendliche Musizierstunde habe ich jetzt erweitert, sodass ich jeden Abend aus meinem Verwandten-, Freundeskreis oder aus unserer Kirchengemeinde eine Person/Familie anrufe und diese das Ständchen mithören kann ;-). Das tut vor allem den älteren Menschen total gut und sie genießen es!